Fakten zum Artikel
Ort:

Berlin

Wer:

Medienvertreter

Was:

Mit Mut, Selbstbewusstsein und Selbstironie springt die Tageszeitung „taz“ über ihren eigenen Schatten, legt die linke Idee für einen Tag zur Seite und lässt ausschließlich ihre „Lieblingsfeinde“ zu Wort kommen.

 

 

„Wenn Feuer und Wasser aufeinander treffen“ - Die Feindes-„taz“

Am Morgen des 26. September 2003 sitzt Kai Diekmann, eigentlich Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, an der Kopfseite eines Konferenztisches in den Räumen der „taz“ und ist „taz“-Chefredakteur.

Die Feindes-taz-Runde (sitzend v.l.n.r.): Eberhard Diepgen, ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin, der damalige Brandenburger Innenminister Jörg Schönbohm, Senator Peter Strieder, Bild-Chefredakteur Kai Diekmann neben taz-Chefin Bascha Mika, rechts der damalige RTL-Chefredakteur Hans Mahr. Foto: Detlev Schilke

Seine Redaktion besteht nicht aus „tazlern“ sondern aus sogenannten Lieblingsfeinden der „taz“; u.a. aus „Bild“-Kolumnist Franz Josef Wagner, „RTL“-Unterhaltungschef Hans Mahr, Ex-Regierungssprecher und „Bild“-Chef Peter Bönisch, Ex-Verteidigungsminister Rudolf Scharping sowie Ex-BDI-Chef Hans-Olaf Henkel, die PDS-Frontfrau Gabi Zimmer, Berlins Ex-Bürgermeister Eberhard Diepgen und TV-Pfarrer Jürgen Fliege. Die versammelte „taz“-Feindesschar hatte die „taz“ eigens eingeladen. Für einen Tag. Ihre Aufgabe: Die Interims-Redaktion unter Kai Diekmann soll zum 25. Jubiläum der ersten Nullnummer der „taz“, die am 27. September 1978 erschienen war, eine spektakuläre Sonderausgabe herausgeben. Die sogenannte Feindes-„taz“.

 

Feindes-„taz“ mit Tradition

Die Feindes-„taz“ steht zu diesem Zeitpunkt bereits in einer gewissen Tradition. Immer wieder zu besonderen Anlässen überließ die „taz“-Redaktion die Geschäfte für einen Tag speziellen Gästen. Den Anfang machte die Literaten-„taz“ im Oktober 1987. Es folgten Ausländer, Karikaturisten und 1998 Aktivisten des Jahres 1968. Bei den sogenannten Feinden, welche die Zeitung 2003 eingeladen hatte, handelte es sich um Persönlichkeiten der Öffentlichkeit denen im Koordinatensystem der Selbstverortung der „taz“ in den letzten Jahren die Rolle des Gegenpols zugewiesen wurde. Der Publizist und Autor Jörg Magenau stellt in seinem taz-Buch fest, dass vor allem die „Bild“-Zeitung und ihr Chefredakteur Kai Diekmann zum Rivalen geworden waren:

„So prekär die eigene ökonomische Situation, so gewaltig die kapitalistische Dominanz des Konzerns.“ Magenau, Jörg: Die taz. Eine Zeitung als Lebensform, München 2007, S. 251.

Solche Experimente waren am Anfang der „taz“ noch nicht denkbar. Damals, Ende der 70er Jahre, wollten unterschiedliche Gruppierungen der alternativen linken Szene – Atomkraftgegner, Umweltschützer, Feministinnen, Hausbesetzer u.a. – eine „Gegenöffentlichkeit" zur bürgerlichen Presse schaffen. Sie hatten den Eindruck, dass eine differenzierte Berichterstattung in Deutschlands etablierten Medien wegen der RAF immer schwieriger wurde. Im Herbst 1977 hatte die Bundesregierung in Reaktion auf die Entführung von Hans-Martin Schleyer eine Nachrichtensperre verhängt, woraufhin sich die Medien in freiwilliger Zensur auf die offiziellen Verlautbarungen beschränkten. Schwerpunktthemen der frühen „taz“ waren daher Internationalismus und bewaffneter Widerstand, die Auseinandersetzung mit der RAF, Anti-Militarismus und Friedensbewegung, Anti-Atomkraft, Frauenbewegung und die Gründung der Grünen. Nicht die Ökonomie stand im Blickfeld der Alternativbewegung, sondern die Ökologie. Nach einigen sogenannten Nullnummern der „taz“ konstituierte sich im April 1979 in der Wattstraße im Berliner Arbeiterviertel Wedding das „taz“-Kollektiv. Seit dem 17. April 1979 erscheint die „taz“ täglich.

 

Der Feind steht unter uns – Vorurteile aufbrechen und andere Meinungen zulassen

25 Jahre später, im September 2003, hat die „taz“ ihren Sitz in der Kochstraße im Berliner Stadtviertel Kreuzberg in Sichtweite des Axel-Springer-Hochhauses, in dem der Springer-Verlag seine verschiedenen Zeitungsredaktionen beherbergt, u.a. die der „Bild“-Zeitung. In den Redaktionsräumen der „taz“ arbeiten die „Feinde“ an der Sonderausgabe. Die Stammredaktion der „taz“ greift der „Feindesschar“ mit Rat und Tat unter die Arme. Um das Ereignis auch medial für sich zu nutzen, hat die „taz“ Journalisten verschiedener Medien eingeladen, die Arbeit der bunt zusammengemixten Sonder-Redaktion zu verfolgen. Kai Diekmann als Chefredakteur des Tages gibt den Ton an. „Der Tagespiegel“ zitiert am Tag nach der Aktion eine „taz“-Mitarbeiterin:

„Normalerweise schauen wir da rüber und sagen, guck‘, da sitz der Feind. Und nun steht er mitten unter uns […]." Der Tagesspiegel, 27.9.2003

Das kann sich die „taz“ inzwischen leisten, erklärt die „taz“-Chefredakteurin Bascha Mika gegenüber der Wochenzeitung „stern“. Die Feindes-„taz“ sieht sie als gelungenes Experiment. „Der Spiegel“ wiederum geht auf Bascha Mikas Beweisführung ein, dass eine Zeitung auch gemacht werden könne, wenn  „Feuer und Wasser aufeinandertreffen“. Die deutsche Presselandschaft berichtet über dieses Experiment und bescheinigt der „taz“  eine „Expertin in Sachen Eigenwerbung“ zu sein wie z.B. „Der Tagespiegel“.  Wichtigste Voraussetzung für dieses Experiment ist eine besondere Form von Selbstironie. Grundlage der Feindes-„taz“ sind der Mut und das Selbstbewusstsein der Zeitung, über ihren eigenen Schatten zu springen, die linke Idee für einen Tag zur Seite zu legen und den „Feind“ zu Wort kommen zu lassen. Positive Folge dieser Selbstironie kann eine kurzzeitige „Entwaffnung des Feindes“ sein. Die gewohnten Schubladen und Zuschreibungen – die „taz“ ist links und lehnt alles andere ab – können nicht mehr bedient werden. Die „taz“ legt mit ihrer Feindes-„taz“ eine besondere Kommunikationsoffenheit an den Tag und sucht ganz konkret nach einer Brücke zu ihren „Feinden“. Mit dieser und ähnlichen Aktionen bricht die „taz“ immer wieder althergebrachte Vorurteile auf und verschafft sich nach außen das Image, nach wie vor eine eigene linke Meinungen zu vertreten, aber dennoch auch andere Meinung zuzulassen, anzuhören und gesprächsbereit zu sein. Jörg Magenau stellt in seinem „taz“-Buch fest:

„Tageszeitung zu sein reicht nicht mehr aus fürs Überleben. Die taz kehrt deshalb zu ihren Anfängen als Bewegungsblatt zurück, nur dass es heute keine Bewegung mehr gibt. Deshalb muss sie Aktionen erfinden, die Spaß machen und imagebildend sind. Frontaler Widerstand ist out, […].“

Neben der Verschiebung der gewohnten Wahrnehmung der „taz“ durch Selbstironie und das Aufbrechen von Schubladendenken, findet für alle Beteiligten durch die gemeinsame Produktion der Feindes-„taz“ ein aktiver Perspektivwechsel statt. Meinungen übereinander werden u.a. soweit verändert, dass Kai Diekmann vier Jahre später der „taz“-Genossenschaft als Mitglied beitritt.

 

„Der ist ja gar nicht so.“

Im „taz“-Gebäude an der Kochstraße ist Redaktionsschluss für die Sonder-Ausgabe. Die Feindes-„taz“ wird am nächsten Tag mit einem zweiseitigen Helmuth Kohl-Interview unter dem Titel „Heute gibt’s Kohl“ aufmachen. Bis dato hatte der Altkanzler der „taz“ jedes Wort verweigert. In dem Interview lässt er sich u.a. über die „taz“ und linke Medien aus. Jürgen Trittin äußert sich in einem Gespräch mit „RTL“-Chefredakteur Hans Mahr darüber, ob man sich als Grüner freuen darf, wenn Schumacher Weltmeister wird und bricht damit das „taz“-Öko-Tabu, niemals über Motorsport zu berichten. SPD-Mitglied und -kritiker Oskar Lafontaine ruft zur Gründung einer „Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokraten in der SPD“ auf, während PDS-Politikerin Gaby Zimmer mit Fidel Castro abrechnet, TV-Pfarrer Fliege TV-Tipps zum Sonntag gibt und „Bild“-Kolumnist Franz Josef Wagner einen Liebesbrief an die „taz“-Chefredakteurin Bascha Mika verfasst. Beim gemeinsamen Bier danach bemerkt eine „taz“-lerin zu einer Gast-Journalistin vom „Tagespiegel“:

„Wenn man den Diekmann persönlich so erlebt, merkt man: Der ist ja gar nicht so.“  

Die Feindes-„taz“ 2003 schafft die Rekordauflage von 100.000 Stück.

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